Energy Sharing: Solarstrom mit Nachbarn teilen – was steckt dahinter?
Stellen Sie sich vor: Ihr Nachbar hat eine große Solaranlage auf dem Dach. Sie selbst haben keinen Platz dafür, aber Sie könnten seinen Überschussstrom günstig nutzen. Klingt simpel. Und genau das ist seit dem 1. Juni 2026 in Deutschland möglich. Energy Sharing heißt das Konzept – und es hat das Potenzial, die Energiewende weiter voranzubringen.
Doch wie funktioniert das genau? Was kostet es? Und warum klappt es trotz neuer Gesetzeslage noch nicht reibungslos? Ein Überblick.

Was ist Energy Sharing?
Energy Sharing bezeichnet die gemeinsame Nutzung von Strom aus erneuerbaren Energieanlagen – geregelt durch § 42c des Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG)öffnet in einem neuen Tab. Das Besondere daran: Der Strom wird nicht im selben Gebäude erzeugt und verbraucht, sondern über das öffentliche Netz geliefert. Eine neue Leitung ist dafür nicht nötig.
In Deutschland sind aktuell mehr als fünf Millionen Photovoltaikanlagen in Betrieb. Das ungenutzte Potenzial ist enorm. Laut einer Studie der Deutschen Energie-Agenturöffnet in einem neuen Tab könnten dezentrale Stromhandelsmodelle wie Energy Sharing oder Peer-to-Peer-Stromhandel je nach Ausgestaltung bis zu 73 Prozent der Stromnachfrage in Deutschland abdecken.

Die rechtliche Grundlage
Die EU hat die rechtlichen Grundlagen für Energy Sharing bereits 2018 geschaffen. Länder wie Österreich, Spanien und Italien haben längst Energiegemeinschaften eingeführt – teils mit staatlicher Förderung.
Deutschland hat sich Zeit gelassen. Der entscheidende § 42c EnWGöffnet in einem neuen Tab trat erst im Dezember 2025 in Kraft – mit einer Umsetzungsfrist bis zum 1. Juni 2026.
Wie funktioniert Energy Sharing technisch?
Damit Strom korrekt zugeordnet werden kann, läuft im Hintergrund alle 15 Minuten ein Abgleich: Wie viel speist die Anlage gerade ein? Wie viel verbraucht der Abnehmer gleichzeitig? Dafür werden viertelstündliche Messwerte benötigt. In der Praxis ist deshalb in der Regel auf beiden Seiten ein intelligentes Messsystem, also ein Smart Meter, erforderlich.
Was kostet Energy Sharing und lohnt es sich?
Für den Anlagenbetreiber
Wer eine Solaranlage betreibt, produziert Strom zu Erzeugungskosten von rund elf bis 15 Cent pro Kilowattstunde. Die staatliche Einspeisevergütung für neue Anlagen liegt inzwischen jedoch unter acht Cent pro kWh und deckt die Erzeugungskosten damit nicht mehr. Energy Sharing bietet eine Alternative: Statt den Strom günstig ins Netz einzuspeisen, kann der Betreiber ihn direkt an Nachbarn verkaufen – zu einem selbst vereinbarten Preis.
Für den Abnehmer
Weil der Strom über das öffentliche Netz fließt, fallen dieselben Netzgebühren an wie bei jedem anderen Stromvertrag. Netzentgelt, KWK-Umlage, Offshore-Windenergie-Umlage und Konzessionsabgabe können zusammen zehn bis 15 Cent pro kWh ausmachen. Verglichen mit einem durchschnittlichen Haushaltsstrompreis von rund 30 Cent pro kWh bleibt aber noch genug Spielraum, damit Energy Sharing günstiger sein kann als der normale Tarif – vorausgesetzt, der Sharing-Lieferant bietet seinen Strom zu einem attraktiven Preis an.
Welche Hürden gibt es in der Praxis?
Alternativen: Direktleitung und Mieterstrom
Schon vor Energy Sharing gab es zwei Wege, Solarstrom lokal zu teilen:
Direktleitung: Strom wird über eine eigene Leitung direkt zum Nachbar geliefert. Sobald öffentliche Kabelnetze genutzt werden, fallen jedoch zusätzliche Gebühren an, und der Betreiber wird rechtlich zum Energieversorger. Praktisch lässt sich zudem kaum einwandfrei messen, welcher Strom über welchen Zähler abgerechnet wird.
Mieterstrom: Bewohner eines Mehrfamilienhauses können Solarstrom direkt aus der Hausanlage beziehen, ohne dass dieser über öffentliche Leitungen fließt. Nachteil: Der hohe Verwaltungsaufwand lohnt sich laut Experten erst ab mindestens zehn Wohneinheiten.
Energy Sharing ist die erste Möglichkeit, Solarstrom auch über Gebäudegrenzen hinweg über das öffentliche Netz zu teilen – ohne eigene Leitung und mit reduzierten Pflichten gegenüber einer klassischen Stromlieferung.
Fazit: Großes Potenzial, holpriger Start
Die Idee hinter Energy Sharing ist überzeugend und Deutschland hat die besten Voraussetzungen: Laut Statistischem Bundesamtöffnet in einem neuen Tab erzeugte Deutschland zuletzt rund 30 Prozent der EU-weit installierten Photovoltaikleistung.
Die rechtliche Basis steht. Und Experten wie Thorsten Mülleröffnet in einem neuen Tab gehen davon aus, dass sich bald spezialisierte Dienstleister etablieren werden, die die Abwicklung komplett übernehmen und Energy Sharing damit auch für normale Haushalte einfach nutzbar machen.
Bis dahin gilt: Das Potenzial ist da. Die Umsetzung braucht noch etwas Zeit.

